2 Die Figur im Wandel von der Antike zur Renaissance

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2 Die Figur im Wandel von der Antike zur Renaissance

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Holo4ART:

Vielen Dank, Herr da Vinci, für die anschaulichen und höchstpersönlichen Eindrücke aus Ihrer Zeit. Wir werden später noch einmal von Ihnen hören. Nun darf ich Ihren Zeitgenossen, den großartigen Bildhauer, Künstler und Architekten Michelangelo hier bei mir in der Ausstellung begrüßen. Nicht nur wir blicken heute über 500 Jahre zurück, um zu verstehen, wie sich die Darstellung der menschlichen Figur entwickelt hat. Auch Sie haben auf eine künstlerische Epoche zurückgeblickt, die Ihrer Zeit weit vorausging, und Sie haben sich von ihr inspirieren lassen. Man spricht heute von der Wiedergeburt der Antike, der Renaissance, den Begriff prägte Ihr späterer Zeitgenosse, denn er wird erst im Jahre 1511 geboren werden, Giorgio Vasari. Bitte lassen Sie uns nach einer kleinen Übung für unser Publikum daran teilhaben, wie die Kunst der alten Griechen, Ihr Schaffen und das Schaffen Ihrer Kollegen beeinflusst hat. Wie ich gelesen habe, führte Sie, lieber Michelangelo, Ihr Studium der Bildhauerei unter anderem nach Rom, wo Sie sich mit den Statuen des Altertums auseinanderzusetzen.

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Wie Leonardo da Vinci kommt auch sein Zeitgenosse Michelangelo aus dem Jahr 1504 zu uns. Er empfiehlt, sich mit den Werken der griechischen Antike genauer auseinanderzusetzen. Beispielhaft für die Kunst der griechischen Antike sehen Sie hier drei Skulpturen.

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Statue_of_a_kouroe._About_530_BC_(3472046118).jpg

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Kouros von Anavyssos

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Apollo_Belvedere_%2815589766656%29.jpg

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Apollo von Belvedere

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Laocoon_Pio-Clementino_Inv1059-1064-1067.jpg

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Laokoon-Gruppe

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Aufgabe

Mimikry – Nachempfinden von Figuren mit dem eigenen Körper

Stellen Sie die Figuren mit Ihrem Körper nach. Gehen Sie dafür zu zweit zusammen. Einer von Ihnen schlüpft dafür in die Rolle des Bildhauers, der andere wird zum Modell. Achten Sie dabei besonders auf Mimik, Gestik und Körperhaltung und fotografieren Sie sich jeweils.

Finden Sie sich bei der Figurengruppe zu viert zusammen.

Laden Sie die Fotos hoch und vergleichen Sie die Fotos mit den Originalskulpturen. Achten Sie dabei besonders auf Mimik, Gestik und Körperhaltung. 

Es ist viel eindrücklicher, mit dem Körper zu erfahren, was die Besonderheiten dieser antiken Figuren sind, als sie nur zu sehen.

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? Aufgabe Text A Text B Text C

Lesen Sie die Texte und ordnen Sie diese den Bildern zu.

Bei dieser Skulptur handelt es sich um ein Kunstwerk aus der Zeit der archaischen Kunst, sie ist 1,94 m groß und um 525 vor Christus entstanden. Der unbekleidete Jüngling wirkt sehr streng, blockhaft und symmetrisch. Die Skulptur ist in keiner Weise gedreht, sie ist immer frontal von vorne zu sehen, maximal in Schrittstellung. Sein Gesicht zeigt das typische „archaische Lächeln“ und war bei allen Skulpturen dieser Zeit ähnlich. Dabei sind die Mundwinkel leicht hochgezogen und die Wangenknochen markant herausgearbeitet. Die ansonsten unbewegt und starr wirkende männliche Figur wird durch das archaische Lächeln belebt. Ein Gefühl der Freude scheint es jedoch nicht auszudrücken.

Klicken Sie auf das Bild, auf das sich der Text bezieht.

Die klassische Periode hat die Künstler der Renaissance besonders interessiert. Die Skulptur ist etwa im Jahr 300 vor Christus entstanden. Sie ist ca. 224 cm groß. Zu sehen ist ein nackter junger Mann mit absolut idealen Körperproportionen. Allerdings ist nicht nur sein Körper idealisiert, sondern auch seine Gesichtszüge. Mimik spielt bei den klassischen Skulpturen also auch noch keine Rolle. Um seinen Hals und über seinem linken Arm ist ein Tuch in feinstem Faltenwurf geschwungen. Was sich im Vergleich zur archaischen Kunst verändert hat, ist die Beinstellung. Man spricht hier vom klassischen Kontrapost. Dabei zeigt die Figur eine lockere, asymmetrische Haltung. Sie steht fest auf dem Standbein und mit dem Spielbein wird das Gewicht ausgeglichen. Das Becken ist dabei gekippt und die Figur verharrt in einer Art Hüftschwung. Es ist nun nicht mehr alles einheitlich und starr, sondern Gegensätze wie Spannung und Entspannung, Ruhe und Bewegung halten durch die Beinstellung im Kontrapost Einzug in die Darstellung der menschlichen Figur.

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Die dritte Phase der griechischen Plastik, die hellenistische Kunst, reicht vom 4. bis zum 1. Jahrhundert vor Christus. Die Bildhauer dieser Zeit sind vor allem daran interessiert, möglichst reale Skulpturen zu schaffen. Figuren voller Bewegung zeigen dem Schicksal ausgelieferte Menschen. Besonders beeindruckend ist hier die Gruppe, die im 2. Jahrhundert vor Christus entstanden ist. Sie ist mit 2 Meter 42 cm überlebensgroß und zeigt den Vater Laokoon mit seinen beiden Söhnen in einem verzweifelten Kampf mit einer Schlange. Noch nie hatten sich Bildhauer so um die Darstellung der Individualität bemüht. Gefühle wie Schmerz, Verzweiflung, Anstrengung oder Niedergeschlagenheit wurden ebenso in Stein gemeißelt wie das Alter. Neben jungen Männern und Frauen sind nun auch ältere Menschen und Kinder Gegenstand der Darstellung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in der hellenistischen Kunst das Besondere statt das Idealisierte bevorzugt wurde.

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Aufgabe Text A Text B Text C

Michelangelos David

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Michelangelo%27s_David_-_right_view_2.jpg

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Michelangelo:

Sehr geehrtes Publikum und Liebhaber der Künste, hier präsentiere ich Ihnen meine neueste Figur, den „David“.

Betrachten Sie mit mir diese Skulptur.

Auf den ersten Blick sieht man einen JĂĽngling, wie er oft in der klassischen Kunst der Antike dargestellt wurde. Denn natĂĽrlich ist es essenziell, sich Inspiration von dieser groĂźartigen Zeit zu holen. Versuchen Sie doch einmal diese Pose des jungen Mannes einzunehmen.

Nicht nur vordergründige Dinge wie das Aussehen und die Proportionen des David spielen eine wichtige Rolle. Das Genie in mir spricht eine weitere Dimension an, die Aussage ist wichtig. Ich verzichtete darauf, die biblische Geschichte von David und Goliath in seinen blutigen Details mit Goliaths abgetrenntem Kopf darzustellen. Es kommt mir auf die Persönlichkeit des jungen David an, deshalb zeige ich ihn mit seiner Steinschleuder über der Schulter vor dem Kampf mit dem Riesen. David strahlt Stärke aus und ist bereit für den Kampf wie meine Heimatstadt Florenz damals auch. Ich schuf ihn als Symbol für den Stadtstaat, der immer wieder von mächtigen Gegnern bedroht wurde. Gegen das Votum Leonardos wurde die Statue neben dem Zentrum der florentinischen Regierung am Rathaus von Florenz aufgestellt.1

Abschließend empfehle ich unbedingt in die Werke des Altertums einzudringen, um nicht nur deren Form, sondern auch deren Geist zu erfassen. Es ist nicht genug, die antiken Vorbilder nur zu betrachten. Die Aufgabe des Künstlers ist es, sich in seinen Arbeiten mit der Antike zu beschäftigen, das heißt, Kopien anzufertigen. Sobald man dann mit den Grundlagen und Techniken vertraut ist, ist man in der Lage, eine an den Formenkanon der Antike angelehnte Neuschöpfung zu erschaffen. In folgenden Filmszenen bekommen Sie einen kleinen Eindruck meiner Arbeitsweise.

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In den Filmszenen können Sie sich von Minute 01:50 bis Minute 03:00 ein Bild über die Entstehung des Werkes machen.

Giganten der Kunst - Michelangelo
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Exkurs – "Zeitenwende" – Ein Film über die Renaissance

Wenn Sie mehr über Michelangelos und Leonardos Zeit erfahren wollen, sehen Sie sich das Video "Zeitenwende – Die Renaissance" an.

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Aufgabe

Michelangelos „David“ gilt als eine der bedeutendsten Skulpturen der Hochrenaissance. Studieren Sie diese Figur:

  • Wählen Sie dazu drei Details, betrachten Sie diese genau und fertigen Sie davon Studien auf einem Zeichenblatt (DIN A3) an. 
  • Achten Sie beim Zeichnen besonders auf das Zusammenspiel von Licht und Schatten, um Plastizität zu erzeugen.

Ein Podiumsgespräch

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Podiumsgespräch

Michelangelo:

Unsere Kunst basiert zum einen auf Wissen und Erfahrung, diese beiden Ebenen verknüpfen wir und stellen sie in unseren Werken dar. Wir Künstler streben nach einem Ideal der Schönheit, welches wir durch das Studium der Natur versuchen zu erreichen. Daraus versuchen wir, ein harmonisches System von idealen Proportionen abzuleiten. Dazu später mehr.

Leonardo:

Jetzt muss ich doch einmal einschreiten. Dieser Jüngling, der – mit Verlaub – noch etwas Grün hinter den Ohren ist mit seinen 29 Jahren, gibt schon etwas an. Ich war ja nicht dafür, aber in Zukunft steht der Koloss mit seinem zu groß geratenem Kopf und seinen übergroßen Händen auch noch vor dem Rathaus in Florenz. Ist Ihnen das bei Ihrem Studium der Proportion des David aufgefallen? Unter uns, da hätte er mal lieber statt der alten Meister die Anatomie studiert. Und diese Bildhauerei, das ist ja eher ein Handwerk und ein ziemlich staubiges noch dazu. Die wahre Kunst ist die Malerei, die Kunst auf einer Fläche eine perfekte Illusion zu erzeugen.

Michelangelo:

Also ich habe mir das jetzt alles angehört, aber dazu muss ich jetzt schon noch einmal etwas sagen. Werter Leonardo, aus Ihnen sprechen die Arroganz und Eifersucht eines in die Jahre geratenen Künstlers, der sich nicht für eine Sache entscheiden kann. Die Skulptur des David ist in jedem Detail bewusst so dargestellt worden, wie er ist. Die Größe und die Betrachtung schräg von unten machen es notwendig, die Figur mit größeren Extremitäten auszustatten, damit das Gesamtbild stimmt. Ich gebe Ihnen recht, wenn Sie von einem handwerklichen Metier sprechen, aber ich sage Ihnen, nicht jeder Steinmetz kann aus einem Marmorblock ein Meisterwerk schlagen, denn: „Nur die Hand, die ganz dem Geist gehorcht, erreicht das Bild im Steine.“2

Holo4ART:

Entschuldigen Sie bitte. Ich denke, Sie sind beide herausragende Künstler und Universalgenies. Vielleicht können wir die Animositäten beiseitelassen und im Programm fortfahren.

Verehrter Herr da Vinci, erzählen Sie uns doch, ob es Ihnen gelungen ist, Ihr Verlangen nach Perfektion in der Malerei zu stillen.

Leonardo:

Natürlich, natürlich, das hat hier keinen Platz. Zudem stimme ich dem werten Herrn Buonarroti zu. Die Werke des Altertums müssen studiert werden, daran führt kein Weg vorbei. Aber unser Wissen erhalten wir obendrein durch die Beobachtung des Menschen und das Studium der Anatomie. Grundsätzlich ist für mich die Kunst ein Teil der Wissenschaft, einerseits um Wahrnehmungen festzuhalten, andererseits um etwas darzustellen. Doch bevor wir mit dem Zeichnen loslegen können, sollte man lernen, wie das Auge funktioniert, wie wir beispielsweise Plastizität wahrnehmen oder wie man etwas perspektivisch darstellen kann. Dann ist das Sehen nämlich dem Erkennen gleichzusetzen und das, verehrte Künstlergemeinde, ist die Voraussetzung. Aber ich möchte Sie nicht langweilen mit meinen wissenschaftlichen Erkenntnissen wie Chiaroscuro, sfumato oder der Zentralperspektive, folgen Sie mir in mein Bild ...

Leonardos vitruvianischer Mensch

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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vitruvian.jpg

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Leonardo:

Um etwas über die Darstellung der menschlichen Figur zu lernen, ist es interessant, wie sich die einzelnen Körperteile in Bezug auf die Größe zueinander verhalten, um vom menschlichen Auge als ideal wahrgenommen zu werden. Man spricht hier von Proportionen. „Die Proportionslehre definiert die Regeln, nach denen die Verhältnisse der Teile eines Kunstwerkes untereinander als harmonisch gelten.“3 Darunter fällt zum Beispiel auch der Goldene Schnitt.

Auch da kann man sich auf das Altertum besinnen. Diesmal ziehen wir jedoch nicht die alten Griechen zurate, sondern den römischen Architekten und Ingenieur Vitruvius, der um 84 vor Christus geboren wurde. Auf der Suche nach dem Idealmaß habe ich Vitruvs Studien gelesen, er hat unter anderem daran mitgearbeitet, dass Roms Haushalte mit Wasser versorgt wurden. Da könnte ich Ihnen auch einiges erzählen, sehr interessant! Aber zum Thema. Vor etwa zehn Jahren, also im Jahr 1490, habe ich mich damit auseinandergesetzt. Ich bin davon überzeugt, dass das eine nicht ohne das andere funktioniert, also ohne Wissenschaft keine Malerei und ohne Malerei keine Wissenschaft. Alles ist mit allem verbunden und so bemühen wir auch hier wieder die Mathematik. Vitruv war ja eigentlich ein Architekt, der sich mit harmonischen Verhältnissen in Gebäuden beschäftigt hat, er hat sich jedoch auch mit den menschlichen Maßen befasst. Beim vitruvianischen Menschen zeige ich in Anlehnung an Vitruvs Studien einen idealisierten, nackten Mann, der mit geschlossenen Beinen und zur Seite gestreckten Armen in einem Quadrat steht. Mit einem zweiten Paar Extremitäten ausgestattet steht er in einem Kreis. Dabei berühren die Füße am Ende der aufgespreizten Beine und die leicht nach oben gestreckten Arme mit den Händen den Kreisbogen. Aber sehen Sie sich einfach das Video an.

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In diesem Video sehen Sie den vitruvianischen Menschen Leonardo da Vincis in der Ausstellung "Die großen Meister der Renaissance", veranschaulicht durch Videomapping-Elemente.

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Vitruvianischer Mensch
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https://www.die-grossen-meister.com/

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Ergänzend zum vitruvianischen Menschen von Leonardo lässt sich die Körpergröße über die Höhe des Kopfes (gemessen vom Scheitel bis zum Kinn) bestimmen. Dabei wird der Körper in ca. 7,5 bis maximal 8 Abschnitte unterteilt. Das gilt sowohl für den weiblichen als auch für den männlichen Körper.

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Aufgabe

Skizzieren Sie drei einfache Figuren mit ausgewogenen Proportionen nur aus Linien!

Nutzen Sie dazu das beigefügte Grundgerüst. 
Laden Sie anschlieĂźend Ihre Bilder hoch und besprechen Sie diese.

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