2. Wahrheit, Aufkl√§rung, L√ľge, Manipulation ‚Äď Geschichte hat viele Gesichter

Anmelden
§

Urheber: Unsplash.com

PD
1

Menschen erz√§hlen Geschichten, um (sich) zu unterhalten, um sich √ľber Traditionen bewusst zu werden oder um Geld zu verdienen. Sie tun es aber auch, um andere zu √ľberzeugen und damit Einfluss auf sie¬†zu gewinnen. Manche Menschen l√ľgen und betr√ľgen dabei nach Kr√§ften. Sie nur daran interessiert,¬†dass sich am Ende ihre Version einer Geschichte durchsetzt.
In diesem Kapitel werden wir erkunden, wie man solchen L√ľgen,¬†Fakes und Verschw√∂rungen auf die Schliche kommen kann.¬†

2.1 Die Konstantinische Schenkung ‚Äď eine L√ľge als Fundament des kirchlichen Machtanspruchs

2
Darstellung der angeblichen Schenkung auf einem Fresko aus dem Jahre 1246.  Konstantin der Gro√üen (rechts kniend) √ľbergibt Papst Silvester I. (links sitzend) das Phrygium (kegelf√∂rmige Haube und Vorg√§nger der Tiara), den Baldachin und den Papstpalast.
§

https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinische_Schenkung#/media/Datei:Sylvester_I_and_Constantine.jpg

PD

Fresko der angeblichen Konstantinischen Schenkung aus dem Jahr 1246 in einer Kapelle in Rom.

Im Europa des Mittelalters hatten die P√§pste politische Macht. Sie wollten aber nicht irgendwelche Herrscher sein, sie wollten die wichtigsten Herrscher der Welt¬†√ľberhaupt sein.¬†

Um diese Macht zu erlangen, beriefen sie sich auf die sogenannte Konstantinische Schenkung. Angeblich hatte der christlich-r√∂mische Kaiser Konstantin den P√§psten im Jahr¬†315 in dieser Urkunde¬†die Kontrolle √ľber den Westteil des R√∂mischen Reichs¬†zugesprochen.

Dieses gef√§lschte Dokument nutzten die P√§pste dazu, um allen, die an ihrer Autorit√§t zweifelten, zu beweisen, dass sie die bedeutendsten Herrscher waren. Warum das so gut funktionierte? Die Menschen damals glaubten, dass Kaiser Stellvertreter Gottes auf Erden waren. Au√üerdem nahmen sie an, dass ein Dokument umso mehr Ansehen und Richtigkeit haben musste, je √§lter es¬†war. Und ein Dokument von Kaiser Konstantin hielten sie f√ľr besonders w√ľrdig,¬†weil er das R√∂mische Reich zum Christentum gebracht hatte.

Die Konstantinische Schenkung besteht damit aus drei entscheidenden Komponenten, die die Kirche bewusst einsetzte:

  • Moralisches Urteil: Die Menschen sollen antiken kaiserlichen Urkunden mehr Autorit√§t zugestehen als Ansichten der Gegenwart.
  • Tatsachen√§u√üerung:¬†Am 30. M√§rz 315 √ľbertrug Kaiser Konstantin den P√§psten die Macht √ľber den Westteil des R√∂mischen Reichs.¬†
  • Praktische Anweisung: Die Menschen sollen der Autorit√§t des Papstes gehorchen.¬†
3

Aufgabe

  1. Entscheide, welcher der drei Teile der Geschichte der Konstantinischen Schenkung wissenschaftlich √ľberpr√ľft werden kann. Begr√ľnde deine Entscheidung.
  2. Recherchiere im Internet √ľber den Beweis, dass die Urkunde gef√§lscht war.¬†
  3. Stelle deine Ergebnisse in einer Präsentation dar.
    Hinweise:
    -¬†Nutze daf√ľr ein dir zur Verf√ľgung stehendes digitales Pr√§sentationstool.
    - Achte darauf, die Präsentation kurz, prägnant, anschaulich und unterhaltsam zu gestalten. 


4

Zusammenfassung

In diesem Video wird das Thema im Video zusammengefasst

Auf der Seite des MDR findest du ein Zusammenfassungsvideo.

2.2 Verschwörungserzählungen: Von Reptilien-Menschen, Corona-Leugnern, Medien-Kritikern und tatsächlichen Verschwörungen

5
§

Unsplash

PD

Ein Wahrheitsposter?

In der Geschichte der Menschheit wurden zahllose Ger√ľchte, L√ľgen und Halbwahrheiten verbreitet, mit denen sich Menschen¬†eigene Vorteile sichern wollten. Nur manche davon erzielten nachhaltige Wirkungen und ver√§nderten das Weltgeschehen. Die Wirkung solcher Manipulationen wird manchmal erst¬†Jahrhunderte sp√§ter sichtbar.¬†

Im Folgenden m√∂chte ich zeigen, warum Erz√§hlungen √ľber¬†Verschw√∂rungen verbreitet werden, welche Wirkung sie erzielen k√∂nnen und wie man sie erkennen kann. ¬†
Zunächst findest du aber wichtige Informationen zum Thema in den Textkästen. 

6
§

Urheber: Digitale Lernwelten GmbH

Cc4BYNCSA
7

Definition

Verschwörungserzählungen: Unterscheidung zwischen Hypothesen und Mythen

Eine sog. "Verschwörungstheorie" erklärt ein Geschehen oder einen Zustand durch die Behauptung, es gäbe eine Verschwörung, die das Geschehen verursacht. Bei einer Verschwörung gehen oftmals einflussreiche oder mächtige Gruppen von Menschen planvoll im Geheimen vor. Sie versuchen damit etwas auf illegale Weise zu erreichen. 

Viele Forscher empfehlen, statt des Begriffs "Verschw√∂rungstheorie"¬†die Begriffe "Verschw√∂rungshypothese‚ÄĚ und "Verschw√∂rungsmythos" zu nutzen. Mit dieser Trennung kann man besser auf zwei unterschiedliche Pr√§gungen eingehen:

Verschw√∂rungshypothesen machen √ľberpr√ľfbare Aussagen √ľber angenommene Verschw√∂rungen, zum Beispiel die¬†Watergate-Aff√§re von 1969‚Äď1974.¬†Diese k√∂nnen¬†tats√§chlich best√§tigt werden oder stellen sich aufgrund belegbarer Tatsachen als falsch heraus.

Verschwörungsmythen
treffen hingegen kaum oder gar nicht √ľberpr√ľfbare Aussagen, zum Beispiel¬†die Behauptung, dass¬†au√üerirdische Echsenmenschen die Welt¬†kontrollieren.
Die Anh√§nger von Verschw√∂rungsmythen weigern sich im Gegensatz zu Wissenschaftlern √ľberpr√ľfbare Bedingungen zu nennen, an denen sich entscheidet, ob eine¬†Aussage best√§tigt oder¬†widerlegt werden kann. Gegenargumente und widersprechende Belege werden von den Anh√§ngern der Mythen als bewusste Manipulation der Verschw√∂rer und daher als Best√§tigung ihres Mythos gewertet. Der Mythos kann damit f√ľr sie nicht widerlegt werden.

Florian Sochatzy, Digitale Lernwelten

8

Darstellung

Warum glauben Menschen an Verschwörungsmythen?

Der Hang zu Verschwörungsmythen wird unterschiedlich interpretiert. Sie werden manchmal als Krisen-Anzeichen, manchmal als Paranoia (psychische Störungen mit Wahnvorstellungen) oder Projektionen gedeutet.

Projektionen dienen √ľberforderten Menschen in belastenden Situationen zur Vereinfachung ihrer Gesamtsituation. Diese Vereinfachung f√ľhrt dazu, dass Menschen wieder an die Durchschaubarkeit des eigenen Lebens glauben k√∂nnen und damit Selbstwirksamkeit erfahren k√∂nnen.

Verschw√∂rungsmythen breiten sich also h√§ufig dort aus, wo Menschen mit komplexen Sachverhalten konfrontiert sind, f√ľr die keine bew√§hrten Erkl√§rungsmuster greifen. Sie entspringen dem sehr menschlichen Bed√ľrfnis nach Sinnzusammenh√§ngen und einfachen Erkl√§rungen.

Ausgangspunkt ist dabei oft eine berechtigte und kritische Haltung gegen√ľber Informationen oder Erkl√§rungen in widersprechenden Quellen.

H√§ufig entstehen Verschw√∂rungserz√§hlungen im Umfeld be√§ngstigender Themen, wie z.¬†B. Krankheit, Krieg und wirtschaftlicher Krisen. Das Gef√ľhl Wut ist f√ľr viele Menschen dabei leichter zu ertragen als das Gef√ľhl Angst. Es ist damit leichter, Wut auf eine geheime Verschw√∂rung zu versp√ľren als Angst vor einer undurchschaubaren, komplexen Gesamtlage.

Verschwörungserzählungen sind häufig radikale Gegenpositionen zu etabliertem Wissen.

Dabei zeigt sich das identitätsstiftende Potential dieser Erzählungen: gut gegen böse, wissend gegen unwissend, rechtschaffen gegen hinterlistig, oben gegen unten etc.

Zudem bieten Verschw√∂rungserz√§hlungen h√§ufig die spannenderen Erkl√§rungen¬†und Geschichten f√ľr komplexe und damit auch anstrengende Themen. Das macht sie f√ľr gewisse Menschen interessanter und einfacher zu verbreiten (vgl. hierzu die Rolle der sozialen Medien in diesem Kapitel)

Der Glaube an Verschw√∂rungserz√§hlungen scheint bis zu einem gewissen Grad auch ein Pers√∂nlichkeitsmerkmal zu sein. Wer an einen Verschw√∂rungsmythos glaubt, l√§sst sich auch von weiteren Verschw√∂rungsmythen √ľberzeugen.


Florian Sochatzy, Institut f√ľr digitales Lernen

9

Methode

Checkliste Verschwörungsmythen

  1. Hinter der Verschw√∂rung steht eine angebliche Elite, also Menschen mit vermeintlicher oder echter Macht (z.¬†B. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft). Dies k√∂nnen Geheimb√ľnde sein oder auch Menschen, die offiziell an den Schalthebeln der Macht sitzen. Diese Elite verbirgt ihre wahren Motive und t√§uscht die √Ėffentlichkeit gezielt √ľber ihre Absichten. Es k√§mpfen die mutigen Verschw√∂rungstheoretiker-Davids gegen die Machtkrake Goliath.
  2. Der Verschwörungstheoretiker und seine Anhänger gehören zu einer kleinen Minderheit, die die Wahrheit besitzt. Nur er sieht klar, obwohl es offensichtlich sein soll. Doch die kleine Gruppe derjenigen, die die Verschwörung durchschaut hat, weiß, was auf uns zukommen wird, und will nun alle warnen. 
  3. Es werden Fragen aufgeworfen, ohne dass man wirklich Antworten hören will. Meist sind sie rhetorischer Natur, obwohl sie als echte Fragen daherkommen. Selbst eine Beantwortung einer solchen Frage hält die Verschwörungstheoretiker nicht davon ab, sie trotzdem immer wieder aufzuwerfen.
  4. Auch Fakten, die ganz klar objektiv falsch sind, werden trotzdem immer wieder als Argumente verwendet. 
  5. Auf Gegenargumente wird kaum eingegangen. Alles kanalisiert auf die Best√§tigung des Verschw√∂rungsmythos. Es findet keine Abw√§gung des F√ľr und Wider statt.¬†
  6. H√§ufig ist der gr√∂√üte Widerspruch im Argument der Geheimhaltung (zentral f√ľr einen Verschw√∂rungsmythos) selbst schon enthalten. Einerseits schaffen es die Verschw√∂rer entgegen aller anderen Erfahrungen riesige Operationen geheim zu halten und gleichzeitig machen sie absolut st√ľmperhafte Fehler, die nur der Verschw√∂rungstheoretiker sofort sieht.
10

Weitere Hintergr√ľnde und eine Zusammenstellung aktueller Verschw√∂rungsmythen und Verschw√∂rungshypothesen findest du auf der Seite der Landeszentrale f√ľr politische Bildung¬†Sachsen.¬†

2.3 Social Media als Brandbeschleuniger f√ľr Verschw√∂rungen und Fakes

11
§

Unsplash

PD

Was verändert sich durch diese Art der Medien?

12
Post 1 Post 2 Post 3 Post 4 Post 5
§

https://www.tageskarte.io/gastronomie/detail/attila-hildmann-vom-vegan-koch-zum-reichsbuerger-in-drei-monaten.html

PD
§

Urheber: Screenshot / Telegram

PD
§

Urheber: Screenshot KenFM News/Facebook

PD
§

Urheber: Screenshot Tagesschau/Facebook

PD
§

Urheber: Screenshot Tagesschau/Facebook

PD
Post 1 Post 2 Post 3 Post 4 Post 5
13
?

Aufgabe

  1. Analysiere mithilfe der Definition (Element 10) zu Verschwörungserzählungen die Social-Media-Posts 1-5. 
  2. Kategorisiere die Posts in "Verschw√∂rungsmythen", "Verschw√∂rungshypothesen" oder "weder ‚Äď noch".¬†
  3. Notiere deine Zuordnung in der Tabelle.   
  4. Begr√ľnde deine Zuordnung in der letzten Spalte.¬†
14
?
In der interaktiven Grafik findest du Gr√ľnde daf√ľr, dass sich Verschw√∂rungsmythen in sozialen Netzwerken besonders gut verbreiten. Klicke auf die "?" um weitere Informationen zu erhalten.
15

Aufgabe

  1. Stelle die Wechselwirkung zwischen sozialen Netzwerken und Verschwörungsmythen dar. 
  2. Beurteile diese Mechanismen.
  3. Entwickle mögliche Maßnahmen gegen diese Mechanismen und stelle sie in einem kurzen Text dar.
16

Aufgabe

Wir sind ans Ende des Moduls gelangt. Nun kannst du zeigen, was du gelernt hast. Ich bin davon √ľberzeugt, dass man am¬†meisten lernt, wenn man sein Wissen anwendet. Los geht's!

  1. Entwickle deinen eigenen Verschwörungsmythos.
    √úberlege dir daf√ľr
    - geeignete Themen 
    - eine Argumentation, die falsch, aber f√ľr manche Menschen¬†√ľberzeugend sein k√∂nnte;
    -¬†Medien, die du f√ľr deine¬†Erz√§hlung nutzen willst;
    - Kanäle zur medialen Verbreitung.
  2. Bereite eine Präsentation zu dem gewählten Mythos vor.
  3. Pr√§sentiere den Mythos¬†deinen Mitsch√ľlern in einem Vortrag.¬†
  4. Reflektiert gemeinsam √ľber die¬†Gef√ľhle, die ihr bei eurer bewusst falschen Erz√§hlung hattet.