2. Neue soziale Schichten entstehen: 'Fabrikherren' und 'Lohnsklaven'

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arme Arbeiterfamilie
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Urheber: Bacon, Albion Fellows, 1865-1933

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Poverty?uselang=de#/media/File:Beauty_for_ashes_(1914)_(14597321720).jpg

PDBYSA

Reichtum fĂĽr die einen, Armut fĂĽr die anderen: Warum war das so?

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Die Industrialisierung führte zu einer großen Spaltung der Gesellschaft: auf der einen Seite die reichen Fabrikbesitzer und Bankiers. Sie investierten, ließen Fabriken bauen und nutzten die neuen Erfindungen für maschinengetriebene Produktion. Auf der anderen Seite standen die Arbeiter. Sie bekamen von den neuen Reichtümern nichts oder kaum etwas ab. In diesem Kapitel kannst du der Frage nachgehen, warum das so war und welche Wirkungen die Industrialisierung auf die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen hatte. Du wirst erkennen, dass Fortschritt und Massenproduktion sich nicht automatisch gut auf das Leben aller Menschen auswirken.

2.1 Aufteilung der Gesellschaft anhand des Besitzes

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Alfred Krupp steht im Reiterkleidern aufrecht an einem Stuhl. Blaupause für das Gemälde „Alfred Krupp, im Reitergewand“ von Julius Grün (1823-1896)
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Urheber: unbekannt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_Krupp,_im_Reitergewand.jpg

PD

Der Fabrikbesitzer Alfred Krupp in Reiterbekleidung

Prolétariat agricole au chômage
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Urheber: unbekannt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Prol%C3%A9tariat_agricole_1907.jpg

PD

Die Armut vieler Arbeiter war oft schon an ihrer kaputten Kleidung zu erkennen. Der Philosoph und Kämpfer für die Sache der Arbeiter Karl Marx (1818–1883) erfand den Begriff "Lumpenproletariat". Er bezeichnete damit den unteren und ärmsten Teil der Gesellschaft.

Mit dem Fabrikwesen entstanden zugleich auch neue Gesellschaftsschichten: auf der einen Seite die Besitzer der neuen Fabriken und Anlagen und auf der anderen Seite die Industriearbeiterschaft, das sogenannte Proletariat. Die Fabrikbesitzer konnten über die Art der Produktion, über Einstellungen und Entlassungen von Arbeitern und über die Verteilung des erwirtschafteten Gewinns entscheiden. Die Arbeiter aber besaßen nur ihre Arbeitskraft und konnten daher leicht ausgebeutet werden. Ohne eine Anstellung in den Fabriken konnten sie sich und ihre Familien nicht ernähren. Sie waren erpressbar und daher oft gezwungen, schlechte Arbeitsbedingungen, lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne hinzunehmen.

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Reiche Fabrikherren Arme Fabrikarbeiter

Die Fabrikbesitzer und Investoren gaben in der Wirtschaft des 19. Jahrhunderts den Ton an. Sie ließen riesige Produktionsanlagen bauen, förderten den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und erwarben einen mitunter märchenhaften Reichtum. Damit stieg auch ihr politischer Einfluss. Die Arbeit wurde dadurch immer mehr dem Profitstreben der Unternehmer untergeordnet. Die Fabrikbesitzer setzten mit allen Mitteln auf eine stetige Steigerung der Produktion. Mehr Absatz versprach mehr Gewinn. Die Gewinne verblieben aber größtenteils bei den Fabrikbesitzern und kamen nicht den Arbeitern zugute.

Die Fabrikarbeiter waren gezwungen, ihre Arbeitskraft an die Besitzer der Fabriken zu verkaufen. Sie wurden oftmals unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet: 12 bis 14 Stunden Arbeitszeit und Hungerlöhne. Nur so konnten sie sich und ihren Familien ein Überleben sichern. Da sehr viele Menschen in die Städte kamen, war das Angebot an Arbeitskraft sehr hoch und die Preise für diese Arbeitskraft sanken. Viele waren gezwungen, für einen Hungerlohn zu schuften. Somit war den Arbeitern jegliches Druckmittel für einen erfolgreichen Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen genommen. Wer sich beschwerte, wurde einfach durch einen anderen Arbeiter ersetzt.
Die Masse der Arbeiter geriet somit in eine Abhängigkeit, aus der sie sich nicht befreien konnte. 

Reiche Fabrikherren Arme Fabrikarbeiter
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Arbeiter in einer Fabrikhalle, die Roheisen bearbeiten.
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Urheber: Adolph Menzel

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adolph_Menzel_-_Eisenwalzwerk_-_Google_Art_Project.jpg

PD

Hoher Energieverbrauch, massenhafte Verarbeitung von Rohstoffen, Einsatz vieler Arbeitskräfte auf engem Raum, gefährliche Arbeit, massenhafte Umweltverschmutzung: Kennzeichen der Industrieproduktion
Adolph Menzel (1815–1905), Eisenwalzwerk, Öl auf Leinwand, 1875

Schema: Kapitalistische Produktionsweise

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Kreislauf der kapitalistischen Produktionsweise
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Urheber: Digitale Lernwelten GmbH

Cc4BYNCSA
  1. Mit Geld (Kapital) werden Fabrikhallen gebaut, Maschinen und Rohstoffe gekauft.
  2. Arbeiter werden eingestellt, die mit den Maschinen in den Fabrikhallen Produkte herstellen.
  3. Aus dem Verkauf der Produkte entsteht ein Erlös. Damit werden die Arbeiter bezahlt, Rohstoffe gekauft und (neue) Maschinen bezahlt. Was übrig bleibt, ist der Gewinn des Unternehmers. Dieser wird oft auch als Mehrwert bezeichnet.
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Darstellung

Folgen der Ausbeutung in der Industrialisierungszeit: Pauperismus

Vor Beginn der Industrialisierung waren die Familien wichtige Stützen der sozialen Sicherheit und menschlichen Geborgenheit. Die massiven Umwälzungen durch die Fabriken führten zum Anstieg von Vereinzelung, sozialem Elend und innerfamiliärer Gewalt. Auch die Frauen und Kinder der Arbeiter mussten sich für Hungerlöhne ausbeuten lassen und das Geld reichte selbst dann nicht für eine menschenwürdige Existenz.
Viele Familien litten unter der Trinksucht der Männer, die ihre harten Arbeitsbedingungen mit Alkohol vergessen wollten.
Die Maschinenproduktion normierte nicht nur die Arbeit, sie führte auch zu hohen Verletzungsgefahren, produzierte Hitze und Abgase, vor denen die Arbeiter nicht geschützt waren. Gesetzliche Arbeitsschutzregelungen gab es lange Zeit nicht oder nur unzureichend. Die Proletarier rackerten für Hungerlöhne, hausten mit ihren Familien in Elendsquartieren und hatten keine Möglichkeit, diesem Schicksal durch eigene Anstrengung zu entrinnen. Die Zeit der Industrialisierung wird daher auch oft als Zeit des 'Pauperismus' (lat. pauper = arm) bezeichnet. Dieser Begriff hebt das zentrale Merkmal der Zeit hervor: Millionen Menschen waren langfristig arm.

Marcus Ventzke, Institut fĂĽr digitales Lernen.

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Darstellung

Kinderarbeit – der Kapitalismus ist gnadenlos

§

Urheber: Lewis Hine

https://en.wikipedia.org/wiki/Child_labour#/media/File:Breaker_boys._Smallest_is_Angelo_Ross._Hughestown_Borough_Coal_Co._Pittston,_Pa._-_NARA_-_523384.jpg

PD

Auch Kinder mussten oftmals in die Fabrik zur Arbeit gehen, um das Überleben der Familien zu sichern. Einige Kinder arbeiteten schon mit drei Jahren und wurden noch viel schlechter bezahlt als ihre Eltern. Für Spielen und Schulbesuch blieb keine Zeit. Die gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen wirkten sich auf die Heranwachsenden sehr negativ aus: Rückenverkrümmungen und Atemwegserkrankungen waren bei Arbeiterkindern nicht selten. Staatliche Behörden waren zunächst überfordert bei der Regulierung der Kinderarbeit. Das Königreich Preußen verbot zwar 1839 die Arbeit für Kinder unter neun Jahren, weil immer weniger gesunde Rekruten für die Armee zur Verfügung standen, in der Praxis ließ sich diese Regelung aber schwer durchsetzen. Neun- bis sechszehnjährige Kinder hingegen durften bis zu 10 Stunden am Tag arbeiten.

Marcus Ventzke, Institut fĂĽr digitales Lernen

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Aufgabe

  1. Arbeite den Abschnitt 2.1 dieses Moduls durch.
  2. Bereite einen SchĂĽlervortrag mit dem Titel "Die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche" vor.

Hinweise:

  • Du kannst dich zur Gliederung des Vortrags am Schema "Kapitalistische Produktionsweise" orientieren.
  • Erkläre in deinem Vortrag den Begriff Mehrwert.
  • Erläutere die unterschiedlichen Rollen von Arbeitern und Fabrikherren und beurteile sie.

2.2 Die 'soziale Frage' stellt sich

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StraĂźenszene in einem Armenviertel Londons im 19. Jahrhunderts.
§

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Houndsditch.jpg

PD

Die sozialen Folgen der Industrialisierung

Straßenszene in London im 19. Jahrhundert: Enge, dreckige Gassen, schlechte Beleuchtung, kaum Frischluft in engen Häusern, schlecht gekleidete Kinder aus kinderreichen Arbeiterfamilien;
Gustave Doré (1832–1883), Ein Hundeleben, Kupferstich, 1872

Eine Frau sieht entstezt auf einem betrunkenen Mann, der auf dem Boden liegt und eine Flasche in der Hand hält.
§

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Imlauer_Ihr_zu_Fuessen_1883.jpg

PDBYSA

Die sozialen Folgen der Industrialisierung

Alkoholabhängigkeit, Verzweiflung, häusliche Gewalt – weit verbreitete Probleme in der Industrialisierungszeit;
Gustav Imlauer, Ihr zu FĂĽĂźen!, 1883

beengte Wohnung einer kinderreichen Proletarierfamilie in der Mitte des 19. Jahrhunderts
§

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theodor_Hosemann,_Armut_im_Vorm%C3%A4rz,_1840.png

PD

Die sozialen Folgen der Industrialisierung

Armut in den 1840er Jahren: viele Menschen auf engem Raum, keine Rückzugsmöglichkeit, viele Kinder
Theodor Hosemann, Armut im Vormärz, 1840

Armer Junge ohne Schuhe und in zerschlissenen Kleidern und eine wohlhabende Frau in eleganter Kleidung, die ihren Hund ausfĂĽhrt auf einer StraĂźe
§

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:NO_SUCH_LUCK1870Punch.jpg

PD

Die sozialen Folgen der Industrialisierung

Karikatur aus dem englischen Satiremagazin 'Punch'. Die Bildunterschrift lautet ĂĽbersetzt:
Junge Dame: "Du hast wohl Hunger, was? Dann komm mit, mein kleiner Schatz, du sollst dein Abendessen schon kriegen." StraĂźenkehrer: "Sehr wohl meine Dame. Recht haben sie, meine Dame, ich bin wirklich hungrig."

Die Missstände in den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter führten zu Unruhen und Streiks. Arbeiter drangen zum Beispiel in die Fabrikhallen ein und zerstörten Maschinen, weil sie diese für die Ursache ihrer Ausbeutung hielten. Wie lange würden die Gesellschaften diese Spannungen aushalten? Es musste sich etwas ändern. Aber was? Die 'soziale Frage' war gestellt.
Obwohl auch Zeitgenossen aus den höheren Schichten die soziale Frage als ein dringendes Problem ansahen, wurde zunächst nur wenig unternommen. Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und viele Arme auf Dauer zu Aufständen und Revolutionen führen musste. Vor allem diese Angst vor einer Revolution bewog die Unternehmer und Regierungen, Antworten auf die soziale Frage zu suchen.

Städte wachsen. Wie wohnten Fabrikherren und Arbeiter?

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Die Arbeits- und Wohnbedingungen der Industriearbeiter waren extrem schlecht. Ausreichend Wohnraum stand für Arbeiter in den Städten nicht zur Verfügung. Da immer mehr Menschen in die Städte drängten, wurden billige Mietwohnungen in dichter Bebauung errichtet. In den Ballungszentren bildeten diese "Mietskasernen" enge Häuserschluchten. Sie hatten viele kleine Wohnungen mit feuchten und dunklen Hinterhöfen. Viele Arbeiterfamilien mussten, von der Not getrieben, mit nahezu jeder Behausung vorliebnehmen. Die Fabrikbesitzer dagegen residierten in riesigen Prachtbauten.

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Arbeiterwohnungen Elendsviertel Arbeiter Villen Fabrikbesitzer
§

Urheber: Rechteinhaber nicht ermittelbar

https://www.fes.de/archiv-der-sozialen-demokratie

PD
Schlesische Arbeiterwohnung, Balken stĂĽtzen verfaulte Decke
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Urheber: Gemeinfrei / AdsD

https://www.fes.de/archiv-der-sozialen-demokratie

PD
Arbeiterwohnung
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Urheber: Gemeinfrei / AdsD

https://www.fes.de/archiv-der-sozialen-demokratie

PD
Arbeiterwohnung; 24 qm fĂĽr 6 Personen
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Urheber: Gemeinfrei / AdsD

https://www.fes.de/archiv-der-sozialen-demokratie

PDBYSA
Innenaufnahme Arbeiterwohnung um 1900
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Urheber: Archi-de

https://de.wikipedia.org/wiki/Mietskaserne#/media/Datei:Mietshaus.jpg

PD
Entwicklung der GrundstĂĽcksbebauung durch Mietskasernen (BZ = Berliner Zimmer)
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Urheber: Unbekannter Fotograf der Firma Heinrich Lichte und Co.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:WohnungsenquĂŞte_4.jpg&filetimestamp=20070715094033

PD
Eine Berliner Arbeiterwohnung im Jahr 1903 – Zwischen 1903–1920 wurden von der Berliner Ortskrankenkasse die Berliner Elendsquartiere abgelichtet. Mithilfe dieser Aufnahmen wollte man dem Staat die katastrophalen und unhygienischen Lebenswelten der Arbeiterfamilien vor Augen führen und ihn dadurch zum Handeln zwingen. Treibendes Motiv war dabei nicht Mitleid, sondern vielmehr die Einsicht, dass ein derartiger Lebensstil bei den Kassenmitgliedern schnell für Krankheiten sorgte und somit Kosten verursachte.
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Urheber: Unbekannter Fotograf der Firma Heinrich Lichte und Co.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:WohnungsenquĂŞte_5.jpg&filetimestamp=20070715094433

PD
Sprichwörtlich jeder Spalt wurde zum Wohnen und Leben herangezogen und zu diesem Zweck an Arbeiter samt Familie vermietet. Ihre Not zwang diese, jede noch so schäbige Behausung anzunehmen. Das Bild zeigt eine Arbeiter'wohnung' im Berlin des Jahres 1905. Über kurz oder lang erkrankten viele der in Dunkelheit und Feuchtigkeit lebenden Bewohner.
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Urheber: Unbekannter Fotograf der Firma Heinrich Lichte und Co.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:WohnungsenquĂŞte_3.jpg&filetimestamp=20070715092812

PD
Blick auf den Hinterhof eines Berliner Elendsviertels im Jahr 1904
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Urheber: August Stauda

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alsergrund_um1900.jpg?uselang=de

PD
Auch in Wien sahen die Hinterhöfe der Wohnviertel wenig einladend aus (das Foto wurde um 1900 aufgenommen).
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Urheber: Gustave Doré

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dore_London.jpg

PD
Elendsquartier der Arbeiter in London – "Oft freilich wohnt die Armut in versteckten Gässchen dicht neben den Palästen der Reichen; aber im Allgemeinen hat man ihr ein apartes Gebiet angewiesen, wo sie, aus den Augen der glücklicheren Klassen verbannt, sich mit sich selbst durchschlagen mag, so gut es geht." Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, 2. Auflage, Leipzig 1848, S. 259.
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Urheber: Thomas Annan

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Close_No._101_High_Street_(-8)_LACMA_M.2008.40.98.8.jpg#/media/File:Close_No._101_High_Street_(-8)_LACMA_M.2008.40.98.8.jpg

PD
Das Glasgow der 1870er und 1880er Jahre glich hinsichtlich der Arbeiterwohnviertel vielen anderen Ländern in Europa: Sehr viele Menschen lebten auf engstem Raum in wenig freundlich anmutenden Straßen.
§

Urheber: unbekannt

http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pincerno_-_Billbrook_1902.jpg

PD
Wenn die Arbeiter ihre ganze körperliche Kraft in den Maschinenhallen verbraucht hatten, schlichen sie müde und hungrig in ihre Elendsquartiere zurück. Sie selbst und alle ihre Familienangehörigen starben früh, ihre kärgliche Existenz hing vom Wohlwollen des Fabrikbesitzers ab. Der ewige Elendskreislauf bestimmte ihr Leben. Entspannung, Freizeit, Urlaub und die Hoffnung, sich aus dem Elend herauszuarbeiten, existierten für sie nicht.
§

Urheber: Dr.G.Schmitz

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Villa_HĂĽgel,_Essen,_20071222.jpg

Cc3BYSA
Die Villa Hügel (Essen, Deutschland) wurde 1873 vom Großindustriellen Alfred Krupp erbaut. Sie war fortan das Wohn- und Repräsentationshaus der Familie Krupp. Nicht weniger als 269 Räume standen den Krupps zur Verfügung.
§

Urheber: Suedwester93

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Villa_HĂĽgel_Blickachse.jpg

PD
Man zeigte, was man hat. Nach Außen und nach Innen. Dabei dienten Bauten wie diese nicht nur zum Leben, sondern auch der Repräsentation. Wer Geschäfte machen wollte, musste Sicherheiten vorweisen können. Somit waren die Villen der Fabrikbesitzer zugleich auch immer der Nachweis für eine substantielle Absicherung für den Fall, dass die eigenen Unternehmungen sich schlechter entwickelten, als der Fabrikbesitzer es sich erhofft hatte.
§

Urheber: Raimond Spekking

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Villa_HĂĽgel_Konferenzraum.jpg

Cc4BYSA
Der Konferenzraum der Villa Krupp
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Urheber: Suedwester93

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Villa_HĂĽgel_Bibliothek.jpg

PD
Während die Arbeiter (Erwachsene wie Kinder) durch die langen Arbeitszeiten von der Möglichkeit ferngehalten wurden, sich zu bilden, hielt man Bildung in den höheren Schichten – zumindest vordergründig – hoch.
§

Urheber: Matthias Kabel

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Lingnerschloss?uselang=de#/media/File:Lingnerschloss_Dresden_frontside.jpg

Cc3BYSA
Sogenanntes Lingnerschloß in Dresden: Das prachtvolle Anwesen gehörte dem Fabrikanten Karl August Lingner, der mit Odol-Mundwasser zu Reichtum gelangte.
§

Urheber: Wiprecht

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Lingnerschloss?uselang=de#/media/File:Dresden_lingnerschloss.jpg

Cc3BYSA
Lingner kaufte das Gebäude im Jahr 1906. Er ließ das Anwesen und den Park umgestalten und mit vielen luxuriösen Einrichtungen versehen.
Arbeiterwohnungen Elendsviertel Arbeiter Villen Fabrikbesitzer
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Aufgabe

In diesem Modul wurden verschiedene soziale Probleme beschrieben, die in ihrer Gesamtheit zur sozialen Frage fĂĽhrten.

  1. Sieh dir die Galerie im Element 9 an. Suche fĂĽr jedes Bild eines der in den Texten beschriebenen Probleme aus, das zu dem Bild passt. BegrĂĽnde deine Zuordnung.

Hinweis:
Nutze zur Bearbeitung der Aufgabe die Elemente 2, 3, 6, 7 und 11.

Das Elend der Arbeiterfamilien: Enge, schlechte Nahrung, Krankheiten

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Quelle

Der Sozialist und Philosoph Friedrich Engels (1820 – 1895) über die Lebensverhältnisse englischer Arbeiter im 19. Jahrhundert

Man gibt ihnen feuchte Wohnungen, Kellerlöcher, die von unten, oder Dachkammern, die von oben nicht wasserdicht sind. Man baut ihre Häuser so, daß die dumpfige Luft nicht abziehen kann. Man gibt ihnen schlechte, zerlumpte oder zerlumpende Kleider und schlechte, verfälschte und schwerverdauliche Nahrungsmittel. Man setzt sie den aufregendsten Stimmungswechseln […] aus – man hetzt sie ab wie das Wild und läßt sie nicht zur Ruhe und zum ruhigen Lebensgenuß kommen. Man entzieht ihnen alle Genüsse außer dem Geschlechtsgenuß und dem Trunk, arbeitet sie dagegen täglich bis zur gänzlichen Abspannung aller geistigen und physischen Kräfte ab.

Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England. 2. Auflage, Leipzig 1848, S. 326f.

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Quelle

Ein Großstadtarzt berichtet 1894 über die Lebensverhältnisse von Arbeiterfamilien

Das Familienleben der Arbeiter beginnt sehr früh und endigt sehr früh. Die Arbeiter gründen meist sehr jung einen Hausstand und müssen dann ihre Kinder in ganz jungen Jahren aus der Familie entfernen, daß sie sich bei fremden Leuten selbst ihr Brot suchen. [...] In einer solchen jungen Proletarierehe fehlt es oft am notwendigsten Hausrate; was vorhanden ist, die Betten, ein Kleiderschrank, ein Tisch, ein paar Stühle, ein Sofa, ist in der Regel auf Borg entnommen und muß erst allmählich abgezahlt werden. [...] Es gibt auch Eheleute, die nicht einmal genügend Geld haben, überhaupt eine Wohnung, eine einzige Stube für sich allein zu mieten. Sie schlafen dann mit andern, fremden Leuten zusammen, mit halbwüchsigen Kindern oder Schlafgängern in ein und demselben Zimmer. Vielfach langt der Verdienst nicht einmal zur Beschaffung zweier Betten, und die Eheleute schlafen dann in einem schmalen Bette zusammen.

Die Not des vierten Standes. Von einem Ă„rzte, Leipzig 1894, S. 12f, zitiert nach: Klaus Saul u. a. (Hg.), Arbeiterfamilien im Kaiserreich, DĂĽsseldorf 1982, S. 43f

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Darstellung

Der Historiker Axel Kuhn beschreibt die ersten Arbeiterfamilien

Die Arbeiterfamilie war halb offen, weil die wirtschaftliche Not Mann, Frau und größere Kinder in die Fabriken trieb. Kleine Kinder wurden oft stundenlang allein gelassen und nicht selten an einen Stuhl gebunden, damit sie sich nicht beim Herumlaufen verletzten. Die proletarische Familie war auch halb offen durch das Phänomen des Schlafgängers. Das war ein Untermieter, der in der Arbeiterfamilie kein Zimmer, sondern nur ein Bett gemietet hatte, das er schichtweise mit dem Familienvater oder einem anderen Kollegen teilte.

Axel Kuhn, Die deutsche Arbeiterbewegung. Stuttgart 2004, S. 71.

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Darstellung

Aus einer Erzählung über die katastrophalen Auswirkungen der harten Fabrikarbeit auf die Gesundheit der Arbeiter

Mein Vater war Spinnmeister [...]. Er hat bis Anfang der 50er Jahre [1850er Jahre, d. A.] jeden Tag, den Gott werden ließ, vierzehn, fünfzehn, sechzehn Stunden bei der Arbeit stehen müssen:
 Vierzehn Stunden, von morgens fünf bis abends sieben, bei normalem Geschäftsgang; sechzehn Stunden, von morgens vier bis abends acht Uhr, bei gutem Geschäftsgang – und zwar ohne jede Unterbrechung, selbst ohne Mittagspause. Ich selbst habe als Junge zwischen fünf und neun Jahren jeden Tag abwechselnd mit meiner [...] Schwester [...] meinem Vater das Mittagessen gebracht. Und ich habe dabeigestanden, wenn mein Vater sein Mittagessen, an eine Maschine gelehnt oder auf eine Kiste gekauert, aus dem Henkeltopf mit aller Hast verzehrte, um mir dann den Topf geleert zurückzugeben und sofort wieder an seine Arbeit zu gehen. Mein Vater war ein Mann von Hünengestalt, einen halben Kopf größer als ich, von unerschöpflicher Robustheit, aber mit 48 Jahren in Haltung und Aussehen ein Greis; seine weniger robusten Kollegen waren aber mit 38 Jahren Greise.

Ernst Abbe, Sozialpolitische Schriften, Jena 1920. Zitiert nach: Fritz Stein, Karl Marx und die Arbeitszeit, in: FAZ, 14.10.1967, S. 5.

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Aufgabe

Wähle eine der folgenden Aufgaben zu Bearbeitung aus:

1. Stelle das Verhältnis von Unternehmern und Angestellten/Arbeitern in der heutigen Zeit dar. Erarbeite dazu ein Plakat.

  • Sammle bei Erwachsenen (z. B. Familienmitglieder) Aussagen ĂĽber das heutige Verhältnis von Unternehmern und Angestellten/Arbeitern.
  • Stelle diese Aussagen in einem Plakat dar.
  • Leite zwei MaĂźnahmen/Forderungen ab, die das Verhältnis von Unternehmern und Angestellten/Arbeitern in der Gegenwart verbessern können. Bringe diese ebenfalls auf das Plakat.
  • Mach ein Foto von deinem Plakat und sende es den MitschĂĽlern und deinem Lehrer.
  • Stelle das Plakat deiner Gruppe vor und bewerte dabei am Ende das Verhältnis von Unternehmern und Angestellten/Arbeitern zur Zeit der Industrialisierung und in der Gegenwart.

2. "Eine starke Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche bedroht die industrielle Produktion." Erläutere diese Aussage und gehe dabei auf den Zusammenhang von Ware und Käufer ein.